Von Handel zu gemeinsamen Wertschöpfungsketten: Wie die Ukraine den EU-Binnenmarkt stärken kann
Am 25. Juni fand in Danzig im Rahmen der Ukraine Recovery Conference 2026 die hochrangige Podiumsdiskussion „Agriculture Reimagined: Ukraine’s Processing Shift into Europe’s Supply Chain“ statt. Die Veranstaltung wurde von der Ukraine Facility Platform gemeinsam mit dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und der German Agribusiness Alliance organisiert. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer der German Agribusiness Alliance, Dr. Per Brodersen, moderierte ich die Diskussion, an der Vertreterinnen und Vertreter ukrainischer und europäischer Unternehmen, Branchenverbände, Expertinnen und Experten sowie Finanzinstitutionen teilnahmen.
Im Mittelpunkt der Diskussion standen konkrete Sektoren und Marktnischen, in denen die Potenziale des ukrainischen Agrar- und Ernährungssektors den Bedürfnissen des europäischen Marktes entsprechen. Dabei ging es um pflanzliche und alternative Proteine, Futtermittelaminosäuren – insbesondere Lysin – sowie um Industriehanf und Flachs.
Diese Bereiche wurden auf Grundlage einer Analyse der strukturellen Defizite der Europäischen Union, der Marktnachfrage sowie der bereits vorhandenen Ressourcen und Produktionskompetenzen der Ukraine ausgewählt. Zugleich entsprechen sie den europäischen Prioritäten in den Bereichen strategische Autonomie, Proteinversorgung, Bioökonomie, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Textilien.
So importiert die EU beispielsweise rund 96 % ihres Sojaschrots und deckt etwa 66 % ihres Bedarfs an proteinreichen Futtermitteln durch Importe. Die potenzielle Nachfrage nach pflanzlichen und neuartigen Proteinprodukten sowie Proteinzutaten in der EU wird bis 2040 auf 53 Milliarden Euro geschätzt, während das gesamte Marktpotenzial für alternative Proteine bei rund 79 Milliarden Euro liegt.
Die Ukraine ist bereits heute ein wichtiger Lieferant von Ölsaaten und deren Verarbeitungserzeugnissen für den europäischen Markt. Der nächste Entwicklungsschritt besteht darin, die tiefere Verarbeitung auszubauen – einschließlich der Herstellung von Proteinkonzentraten, Proteinisolaten sowie Lebensmittel- und Futtermittelzutaten.
Während der Diskussion hoben Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft insbesondere das Potenzial ukrainischer gentechnikfreier Sojabohnen hervor sowie die Bedeutung des Aufbaus einer vollständigen Wertschöpfungskette – von der zertifizierten Rohstoffproduktion über die Verarbeitung bis hin zur Lebensmittelindustrie, Futtermittelherstellern und dem europäischen Einzelhandel. Ukrainische Sojabohnen sind bereits heute zu einem praktischen Instrument der Integration der ukrainischen Landwirtschaft in den europäischen Markt geworden.
Ukrainische Agrarunternehmen handeln seit vielen Jahren mit der Europäischen Union. Handel allein bedeutet jedoch noch keine vollständige wirtschaftliche Integration. Ukrainische Unternehmen bleiben häufig externe Lieferanten, die zu Spotmarktpreisen verkaufen, während die Akteure des Binnenmarktes über langfristige Lieferverträge, Joint Ventures und Zugang zu Investitionen in die Verarbeitung verfügen.
Die zentrale Frage lautet daher: Wie gelingt der Übergang von der Lieferung einzelner Rohstoffe hin zur gemeinsamen Schaffung von Wertschöpfung?
Der gegenseitige Nutzen eines solchen Modells ist konkret. Die Ukraine gewinnt Investitionen, Technologien, moderne Verarbeitungskapazitäten und einen stabilen Marktzugang. Die Europäische Union erweitert ihre eigene industrielle Basis, reduziert kritische Versorgungsengpässe und gewinnt einen verlässlichen Partner, der nach europäischen Regeln und Standards produziert.
In den identifizierten Sektoren kann die ukrainische Produktion die Kapazitäten der EU-Mitgliedstaaten sinnvoll ergänzen, fehlende Verarbeitungsschritte schließen und dazu beitragen, einen größeren Teil der Wertschöpfung innerhalb des europäischen Wirtschaftsraums zu halten. Auf diese Weise kann die Integration der Ukraine die Wettbewerbsfähigkeit des EU-Binnenmarktes nachhaltig stärken.
Während der Diskussion in Danzig wurden auch die praktischen Voraussetzungen erörtert, ohne die neue Wertschöpfungsketten nicht entstehen können: die Einhaltung der EU-Standards, transparente Zertifizierungsanforderungen, verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, Zugang zu Finanzierung, moderne Logistik sowie wirksame Instrumente zur Verringerung von Investitionsrisiken.
Von besonderer Bedeutung sind langfristige Abnahmeverträge. Der Umstieg auf neue Kulturen oder der Aufbau einer tieferen Verarbeitung erfordert einen Planungshorizont von mehreren Jahren. Rohstoffproduktion, Verarbeitungskapazitäten und spätere Absatzmärkte müssen von Anfang an gemeinsam geplant werden.
Bemerkenswert war die Position eines großen ukrainischen Agrarunternehmens: Die Ukraine ist bereits heute ein hochentwickelter agrartechnologischer Partner, der Präzisionslandwirtschaft, digitale Technologien, Bioenergie sowie Modelle des Technologietransfers mit anderen Produzenten nutzt. Die Diskussion sollte sich daher von der Wahrnehmung der Ukraine als Empfänger von Unterstützung hin zu einer Partnerschaft mit einer wettbewerbsfähigen agroindustriellen Wirtschaft entwickeln.
Mein wichtigstes Fazit aus der Diskussion in Danzig lautet daher: Die Integration des ukrainischen Agrar- und Ernährungssektors in den EU-Binnenmarkt muss entlang konkreter Wertschöpfungsketten geplant werden. Jeder Sektor verfügt über seine eigene Nachfragestruktur, spezifische Standards, infrastrukturelle Anforderungen, potenzielle Abnehmer sowie ein eigenes Investitionsmodell.
Genau diesen sektoralen wirtschaftspolitischen Dialog möchten wir im Rahmen des Deutsch-Ukrainischen Agrarpolitischen Dialogs (APD Ukraine) gemeinsam mit unseren deutschen und europäischen Partnern weiterentwickeln – indem wir konkrete Bereiche gemeinsamen Interesses identifizieren und diese in langfristige Lieferverträge, technologische Kooperationen und gemeinsame Investitionsprojekte überführen.
Dr. Olga Trofimtseva
Projektleiterin
Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog (APD Ukraine)