Wertschöpfungskette Schweinefleisch: Wie viel Strukturwandel verträgt Deutschland?
Die Schweinefleischbranche steht unter massivem Strukturwandel: Umbau stockt, Schlacht- und Wurstbetriebe schließen, Kosten und Auflagen steigen. Konzentration im Markt wächst – Ferkelerzeuger und Verarbeitung gelten als schwächste Glieder.
Die deutsche Wertschöpfungskette Schweinefleisch befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Vom Stallbau über die Schlachtung bis zur Wurstproduktion stehen fast alle Segmente vor massiven wirtschaftlichen, regulatorischen und strukturellen Herausforderungen. Dr. Jörg Bauer, Vorsitzender des DLGAusschusses Schwein, beschreibt die zentralen Problembereiche und deren Folgen für die Zukunft des Produktionsstandorts Deutschland.
Schweinehaltung im Transformationsstau
Die Schweinehaltung soll eigentlich Richtung höherer Haltungsstufen weiterentwickelt werden. Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und das staatliche Tierhaltungskennzeichnungsgesetz geben klare Vorgaben. Doch hohe bürokratische Auflagen, steigende Baukosten und das vorzeitige Ende des Förderprogramms „Umbau der Tierhaltung“ bremsen den Umbau stark aus. Viele Ferkelerzeuger nennen die gesetzlichen Fristen – 2029 für Deckzentren, 2036 für Abferkelställe – bereits als wahrscheinliches Produktionsende.
Zudem stellt sich die Frage, ob die Fokussierung auf Haltungsstufen ab Stufe 3 marktkonform ist. Experten schätzen das Vermarktungspotenzial mittelfristig nur auf etwa zehn Prozent. Bereits jetzt liegt Deutschland mit sieben Prozent nahe dieser Grenze; größere Mengen könnten das „Boot zum Kentern bringen“. Gleichzeitig wächst im Ausland – insbesondere in Osteuropa und China – die Produktion günstigen Fleisches der Haltungsstufe 1.
Vermarktungsprobleme: Der Schlachtkörper wird nicht vollständig genutzt
Nur etwa 60 Prozent des verwertbaren Schlachtkörpers finden in Deutschland Absatz. Der Rest muss exportiert werden – jedoch ohne Mehrerlöse für höhere Haltungsstufen. Somit müssen 60 Prozent des Schlachtkörpers die gesamten Tierwohlmehrkosten tragen, was ökonomisch kaum tragfähig ist.
Dr. Bauer fordert eine konsequentere Vermarktung nach dem Prinzip „from nose to tail“, begleitet von veränderten Marketingstrategien und einer neuen Einkaufspolitik des LEH. Die Situation wird durch ein Importparadoxon verstärkt: Trotz eines Selbstversorgungsgrades von über 130 Prozent werden jährlich rund 930.000 Tonnen Schweinefleisch nach Deutschland importiert.
Schlachtbranche unter Druck
Die Schlachtindustrie steht ebenfalls vor tiefen Veränderungen. Standorte wie Perleberg und Landshut werden geschlossen oder von Investoren übernommen; Kapazitäten verschieben sich regional. In manchen Regionen, vor allem im Nordosten, fehlen bereits nennenswerte Schlachtkapazitäten.
Ein weiterer Treiber des Wandels ist der Fachkräftemangel, der dazu führt, dass deutsche Wurstunternehmen zunehmend von ausländischen Firmen übernommen werden.
Die Wurstkrise
Die Wurstherstellung erlebt eine eigene Krise: Sinkender Absatz, hohe Energie- und Rohstoffkosten sowie Arbeitskräftemangel treiben Unternehmen in Insolvenz oder in die Hände internationaler Investoren. Beispiele sind der Verkauf von Hermann Wein an die Schweizer Bell Food Group oder die Übernahme der Wolf Essgenuss GmbH durch die chinesische WH Group.
Marktkonzentration stärkt Händler – schwächt Erzeuger
Während die Politik kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe erhalten möchte, konzentrieren sich Schlachtunternehmen und LEH rasant weiter. Die drei größten Schlachtunternehmen halten über 50 Prozent Marktanteil; die fünf führenden LEHKetten über 85 Prozent.
Diese Machtungleichgewichte erschweren Verhandlungen „auf Augenhöhe“. Der größte Risikopuffer bleibt die landwirtschaftliche Seite – mit zunehmendem wirtschaftlichem Druck.
Fazit: Schwachstellen beseitigen, Zukunft sichern
Am stärksten unter Druck stehen die Ferkelerzeuger, die aktuell kaum Gewinne erwirtschaften und gleichzeitig teure Stallumbauten stemmen sollen, ohne verlässliche Förderung. Fällt dieses erste Glied der Kette weg, ist die gesamte deutsche Schweinefleischerzeugung gefährdet.
Auch die Verarbeitung und Wurstherstellung zählen zu den schwächsten Bereichen. Nach dem „Minimumgesetz“ entscheidet stets der knappste Faktor über die Leistungsfähigkeit eines Systems. Erst wenn die limitierenden Faktoren – insbesondere Finanzierung, Schlachtinfrastruktur, Vermarktungsstrategien und Fachkräfte – verbessert werden, lässt sich die Zukunft der deutschen Schweinefleischproduktion sichern.
Quelle: https://www.dlg.org/magazin/wertschoepfungskette-schweinefleisch