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Studie: Alternative Proteine könnten bis 2040 zusätzliche 111 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung für die EU-Wirtschaft schaffen

Die Studie untersucht das wirtschaftliche Potenzial pflanzenbasierter Lebensmittel, von kultiviertem Fleisch sowie von Produkten, die mithilfe von Fermentationstechnologien hergestellt werden. Obwohl die Fermentation ein traditionelles Verfahren der Lebensmittelherstellung ist, ermöglichen moderne Technologien ihre Nutzung zur Herstellung von Produkten mit einem Geschmack und einer Textur, die tierischen Erzeugnissen ähneln.

Die Experten modellierten ein Szenario, in dem staatliche Unterstützung sowie Investitionen in Forschung, Produktion und Skalierung alternativer Proteine zu einem Motor des Wirtschaftswachstums der Europäischen Union werden. Unter diesen Voraussetzungen könnte der Sektor 414.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze in den Bereichen Spitzenforschung, Landwirtschaft, Logistik und weiteren verbundenen Wirtschaftszweigen schaffen.

Den Berechnungen von Systemiq zufolge könnte der Sektor der alternativen Proteine selbst bei einem vergleichsweise moderaten Niveau staatlicher Förderung und Investitionen innerhalb der nächsten 15 Jahre:

  • jährlich 111 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung (BWS) generieren, was dem wirtschaftlichen Beitrag der europäischen Weinwirtschaft entspricht;
  • einen Binnenmarkt für alternative Proteine in der EU mit einem Volumen von 79 Mrd. Euro entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) Litauens im Jahr 2024 entspricht;
  • Exporte im Wert von 60 Mrd. Euro erzielen, was mit dem derzeitigen Exportvolumen der EU nach Südkorea vergleichbar ist und die Voraussetzungen dafür schafft, Europa zu einem weltweit führenden Standort der modernen Lebensmittelbioproduktion zu entwickeln.
     

Investitionen und regulatorische Unterstützung

Die Autoren der Studie betonen, dass die Ausschöpfung dieses Potenzials entschlossenes Handeln seitens der Institutionen der Europäischen Union und der nationalen Regierungen erfordert. Im Mittelpunkt stehen Investitionen in Forschung sowie Produktionsinfrastruktur, die für die Entwicklung und Skalierung erschwinglicher und wettbewerbsfähiger Produkte auf Basis alternativer Proteine notwendig sind. Ebenso erforderlich ist die Schaffung eines transparenteren und besser vorhersehbaren regulatorischen Rahmens für die Markteinführung innovativer Produkte.

Nach Einschätzung der Autoren würden jährliche Investitionen von 690 Mio. Euro in Forschung sowie weitere 720 Mio. Euro in die Skalierung der Produktion private Investitionen mobilisieren und durch eine höhere Verfügbarkeit sowie verbesserte sensorische Eigenschaften der Produkte eine breitere Marktdurchdringung alternativer Proteine fördern.

Gleichzeitig fällt das insgesamt erforderliche Investitionsvolumen im Vergleich zur Förderung anderer Zukunftsbranchen gering aus. So stellten die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten im Jahr 2022 öffentliche Mittel in Höhe von 10,6 Mrd. Euro für die Entwicklung des Sektors des grünen Wasserstoffs bereit.

Die Studie hebt zudem die Notwendigkeit hervor, den regulatorischen Rahmen weiterzuentwickeln. Obwohl die Standards für die Lebensmittelsicherheit in der Europäischen Union zu den höchsten weltweit zählen, bleibt das derzeitige Zulassungsverfahren für neuartige Lebensmittel komplex und stellt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen im Bereich alternativer Proteine eine zusätzliche Hürde dar.

Neue Perspektiven für den Agrarsektor

Nach Auffassung der Autoren kann die Entwicklung alternativer Proteine die Resilienz des Agrarsektors der Europäischen Union stärken, indem sie die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen verringert und neue Marktchancen für Pflanzenbauunternehmen eröffnet. Mit der steigenden Produktion pflanzlicher Alternativen zu Fleisch- und Milchprodukten dürfte die Nachfrage nach Kulturen wie Erbsen, Ackerbohnen, Linsen und Kichererbsen auf mehr als das Doppelte steigen. Der Ausbau ihres Anbaus würde den Zielen der Europäischen Union entsprechen, eine stärker eigenständige und nachhaltige Proteinversorgung aufzubauen, und zugleich durch die natürliche Bindung von Luftstickstoff zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit beitragen.

Darüber hinaus wird erwartet, dass der Ausbau der Produktion fermentationsbasierter Lebensmittel die Nachfrage nach zucker- und stärkereichen Kulturpflanzen, insbesondere nach Zuckerrüben, erhöhen wird. Diese Rohstoffe werden für die Herstellung fermentationsbasierter Produkte nach einem Verfahren eingesetzt, das den in der Brauindustrie verwendeten Technologien ähnelt. Derzeit wird ein erheblicher Teil dieser Kulturpflanzen für die Herstellung von Biokraftstoffen angebaut. Angesichts des erwarteten Nachfragerückgangs in diesem Bereich bis zum Jahr 2035 könnte der entstehende Markt den europäischen Landwirten künftig jedoch eine stabile Einkommensquelle bieten.

„Alternative Proteine eröffnen neue Chancen für das Wirtschaftswachstum Europas. Mit staatlichen Investitionen von lediglich 1,4 Mrd. Euro pro Jahr können die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten die Ernährungssicherheit stärken, neue Arbeitsplätze schaffen und einen wirtschaftlichen Nutzen von mehr als 100 Mrd. Euro erzielen. Wir rufen die europäischen Entscheidungsträger dazu auf, das Potenzial dieses Sektors anzuerkennen und die notwendigen regulatorischen Rahmenbedingungen sowie Investitionsmechanismen für seine Entwicklung zu schaffen“, erklärte Rupert Simons, Partner bei Systemiq.

Nach Angaben von GFI Europe könnten alternative Proteine bereits innerhalb der nächsten 15 Jahre einen neuen wettbewerbsfähigen Industriezweig der europäischen Wirtschaft hervorbringen. Dies würde dazu beitragen, die Emissionen des Lebensmittelsystems zu verringern, die Produktion schmackhafter und nährstoffreicher Lebensmittel auszuweiten und zugleich neue Entwicklungsmöglichkeiten für ländliche Räume zu schaffen. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, müsse die Europäische Union alternative Proteine jedoch als strategischen Entwicklungsbereich anerkennen, den regulatorischen Rahmen für die Markteinführung innovativer Produkte unter Wahrung der hohen Standards der Lebensmittelsicherheit modernisieren sowie in Forschung und Produktionsinfrastruktur investieren.


Quelle: gfieurope.org

21.07.2026
Agrarnachrichten EU Nachhaltigkeit