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Die neue Proteinpolitik der EU: Eine Chance für die Ukraine, mehr Wertschöpfung zu schaffen

Wie die Ukraine Teil der neuen europäischen Proteinpolitik werden kann

Die Ukraine nimmt seit Langem eine wichtige Rolle als Lieferant landwirtschaftlicher Erzeugnisse für die Europäische Union ein. Der nächste Entwicklungsschritt könnte jedoch in der Herstellung von Zutaten für die moderne Lebensmittel- und Futtermittelindustrie liegen – einem Bereich, der eine deutlich höhere Wertschöpfung, technologische Innovation und eine tiefere Integration in den europäischen Markt vereint.

Dieses Thema stand im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde im Rahmen der Ukraine Recovery Conference 2026. Die Ukraine Facility Platform (UAFP) organisierte gemeinsam mit der German Agribusiness Alliance den internationalen Round Table „Agriculture Reimagined. Ukraine’s Processing Shift into Europe’s Supply Chain“. Daran nahmen Vertreterinnen und Vertreter ukrainischer und europäischer Unternehmen, Branchenverbände, internationaler Finanzinstitutionen sowie Expertinnen und Experten teil.

Einer der von der UAFP vorgestellten Schwerpunkte war die Tiefenverarbeitung pflanzlicher Proteine. Diese Ausrichtung steht im Zusammenhang mit den Veränderungen der Agrar-, Ernährungs- und Industriepolitik der Europäischen Union. Die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“ (Farm to Fork) hat den Weg zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem geebnet und fördert Innovationen, neue Technologien sowie zirkuläre Modelle in der Lebensmittelproduktion. Mit der Vision der EU für Landwirtschaft und Ernährung 2025 wurde der Zusammenhang zwischen der langfristigen Zukunftsfähigkeit des Sektors, seiner Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und seiner Fähigkeit, sich an strukturelle Veränderungen anzupassen, zusätzlich bekräftigt.

Pflanzliches Protein nimmt in dieser politischen Agenda eine Schlüsselrolle ein. Zwar verfügt die Europäische Union über eine leistungsfähige Landwirtschaft und eine bedeutende Eigenproduktion von Futtermitteln, dennoch bleibt sie im Segment hochwertiger Proteinquellen auf Importe angewiesen. In der Saison 2023/24 belief sich die Produktion pflanzlicher Proteine in der EU auf rund 64 Millionen Tonnen, während Importe ein Defizit von weiteren etwa 19 Millionen Tonnen Protein ausglichen. Der Bedarf des europäischen Tierhaltungssektors wurde auf rund 71 Millionen Tonnen Protein pro Jahr geschätzt.

Für die Ukraine eröffnet sich dadurch eine neue Perspektive. Zu ihren traditionellen Stärken zählen eine umfangreiche Rohstoffbasis, ein leistungsfähiger Agrarsektor, eine gut ausgebaute Infrastruktur der Primärverarbeitung sowie die geografische Nähe zum EU-Markt. Gleichzeitig gewinnt die Fähigkeit zunehmend an Bedeutung, landwirtschaftliche Erzeugnisse im eigenen Land weiterzuverarbeiten und europäischen Herstellern verarbeitete Zutaten mit definierten Qualitäts- und Funktionseigenschaften anzubieten.

Genau diese Perspektive stellte die UAFP den Teilnehmenden des Round Tables vor.

Warum die Verarbeitung von Bedeutung ist

Im Mittelpunkt der Präsentation der UAFP stand ein Entwicklungsmodell für den Agrarsektor, nach dem die Ukraine ihre eigenen Verarbeitungskapazitäten schrittweise ausbaut und neue Marktsegmente innerhalb der Europäischen Union erschließt.

Ukrainische Unternehmen können Proteinkonzentrate, Proteinisolate, texturierte Pflanzenproteine sowie funktionelle Inhaltsstoffe aus Soja, Erbsen, Sonnenblumenextraktionsschrot und anderen Kulturpflanzen herstellen. Diese Produkte finden Anwendung in der Herstellung von Mischfuttermitteln, proteinreichen Lebensmitteln, funktioneller Ernährung sowie pflanzlichen Alternativen zu tierischen Erzeugnissen.

Dabei handelt es sich um Produkte eines spezialisierten B2B-Segments. Für die Abnehmer sind nicht nur der Proteingehalt entscheidend, sondern auch Eigenschaften wie Löslichkeit, Verdaulichkeit, Textur, Geschmacksprofil, Wasserbindevermögen oder Emulgierfähigkeit sowie die gleichbleibende Qualität und Stabilität zwischen einzelnen Produktionschargen. Die Herstellung solcher Zutaten erfordert moderne Technologien zur Reinigung, Fraktionierung und Trocknung, eine umfassende Laborkontrolle sowie eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit industriellen Kunden.

Auch die wirtschaftliche Logik unterscheidet sich grundlegend vom Handel mit Rohstoffen. Der Wert landwirtschaftlicher Standardprodukte wird in hohem Maße von den Weltmarktpreisen und kurzfristigen Marktentwicklungen bestimmt. Spezialisierte Inhaltsstoffe werden hingegen nach konkreten technischen Spezifikationen hergestellt und zu deutlich höheren Preisen vermarktet. Ihr Marktwert ergibt sich aus dem Reinheitsgrad, der Proteinkonzentration, den funktionellen Eigenschaften, den erforderlichen Zertifizierungen sowie ihrer Eignung für bestimmte industrielle Produktionsprozesse.

Die Tiefenverarbeitung verändert zudem die Art der Geschäftsbeziehungen mit den Abnehmern. Lieferverträge für funktionelle Zutaten umfassen in der Regel abgestimmte Produktspezifikationen, Qualitätskontrollen, den Nachweis der Rohstoffherkunft sowie eine verlässliche Lieferstabilität. Dadurch entstehen die Voraussetzungen für langfristige Geschäftsbeziehungen und eine engere Integration ukrainischer Unternehmen in die Wertschöpfungs- und Produktionsprozesse europäischer Unternehmen.

Die Ausgangspositionen der Ukraine

Die Ukraine verfügt über eine breite Rohstoffbasis für die Herstellung pflanzlicher Proteinprodukte. Der am weitesten entwickelte Bereich ist weiterhin die Sojaverarbeitung, doch das Potenzial reicht weit darüber hinaus.

Sonnenblumenextraktionsschrot, das in großen Mengen in der leistungsfähigen ukrainischen Ölsaatenindustrie anfällt, kann zur Herstellung konzentrierter Proteinprodukte genutzt werden. Erbsen und andere Hülsenfrüchte bilden die Grundlage für spezialisierte Proteinkonzentrate und -isolate, die von der Lebensmittelindustrie stark nachgefragt werden. Die Kombination mehrerer Rohstoffarten reduziert zudem die Abhängigkeit von einer einzelnen Kulturpflanze und ermöglicht den Aufbau eines breiteren Produktportfolios.

Ein weiterer wichtiger Vorteil ist die bereits vorhandene Infrastruktur. Ölextraktionsanlagen, Getreidesilos, Labore, Lagerhäuser und Logistikstandorte können als Grundlage für die Integration neuer technologischer Linien dienen. Ein Teil der Projekte kann auf bestehenden Agrarverarbeitungsstandorten entwickelt werden, was die Anfangsinvestitionen und die Umsetzungszeit im Vergleich zum Neubau vollständig neuer Anlagen deutlich reduziert.

Ukrainische Unternehmen verfügen zudem über Erfahrung in der Zusammenarbeit mit europäischen Abnehmern sowie mit Anforderungen an Qualität, Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit. Dies ist im Segment der pflanzlichen Proteine besonders wichtig, da die nachgewiesene Herkunft der Rohstoffe, nachhaltige Produktionspraktiken und stabile Produkteigenschaften direkten Einfluss auf den Marktzugang haben.

Die geografische Nähe zur Europäischen Union schafft einen zusätzlichen Vorteil gegenüber Lieferungen aus Nord- und Südamerika. Im Wirtschaftsjahr 2024/25 stammten 94 % der in der EU verwendeten Sojabohnen aus Importen; die wichtigsten Lieferländer waren Brasilien, Argentinien und die USA. Insgesamt kamen 67 % der eiweißreichen Futtermittelkomponenten aus Ländern außerhalb der Union. Die Konzentration der weltweiten Produktion auf wenige Regionen sowie lange Transportwege erhöhen die Anfälligkeit des europäischen Futtermittelsystems gegenüber Preisschwankungen, Handelsbeschränkungen und Lieferunterbrechungen.

Wie sich Potenzial in Produktion umwandeln lässt

Die Diskussion während des Round Tables machte deutlich, dass eine umfangreiche Rohstoffbasis lediglich die Ausgangsvoraussetzung darstellt. Der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Branche erfordert die gleichzeitige Entwicklung der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anbau geeigneter Kulturpflanzen mit den erforderlichen Eigenschaften über deren Verarbeitung und Zertifizierung bis hin zur langfristigen Vermarktung der fertigen Proteinzutaten.

Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet die Umstellung auf andere Kulturen, Sorten oder Anbauverfahren zusätzliche Investitionen und Risiken. Daher benötigen die Erzeuger Planungssicherheit darüber, wer ihre Ernte in den kommenden Jahren abnehmen wird und zu welchen Bedingungen. Verarbeitungsunternehmen wiederum sind auf verlässliche Rohstoffmengen mit einem definierten Proteingehalt und konstant hoher Qualität angewiesen.

Ähnliche Anforderungen stellen auch die Endabnehmer. Hersteller von Futtermitteln und Lebensmitteln entwickeln ihre Rezepturen und Produktionsprozesse auf der Grundlage präziser Produktspezifikationen. Veränderungen in der Zusammensetzung oder den funktionellen Eigenschaften einer Zutat können die Qualität des Endprodukts unmittelbar beeinflussen. Der Zugang zu diesem Markt setzt daher vorhersehbare Produkteigenschaften, gleichbleibende Chargenqualität und eine langfristig zuverlässige Lieferfähigkeit voraus.

Die Entwicklung dieses Industriezweigs erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Landwirten, Verarbeitungsunternehmen, Technologieanbietern, Laboren, Finanzinstitutionen und Abnehmern. Nachfrage und Produktionskapazitäten müssen sich parallel entwickeln. Ohne eine solche Koordination lassen sich einzelne Pilotprojekte nur schwer zu einer stabilen industriellen Produktion ausbauen.

Eine weitere entscheidende Voraussetzung ist der Zugang zu modernen Technologien. Die Herstellung pflanzlicher Proteinzutaten erfordert Anlagen für Extraktion, Fraktionierung, Reinigung, Trocknung und Standardisierung. Kooperationen mit europäischen Technologieunternehmen können den Markteintritt beschleunigen und dazu beitragen, die Anforderungen künftiger Kunden bereits bei der Entwicklung der Produktionsprozesse zu berücksichtigen.

Ebenso wichtig bleiben Systeme zur Gewährleistung der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit, Zertifizierungen sowie eine lückenlose Rückverfolgbarkeit. Insbesondere in den Segmenten Non-GMO, funktionelle Ernährung oder Produkte mit speziellen Qualitätsanforderungen sind diese Merkmale ein wesentlicher Bestandteil des Marktangebots. Käufer bewerten nicht nur den Inhaltsstoff selbst, sondern auch die Zuverlässigkeit der gesamten Produktions- und Lieferkette.

Die Entwicklung der Tiefenverarbeitung sollte daher als Aufbau eines neuen industriellen Ökosystems verstanden werden. Dieses umfasst Agronomie, Lebensmitteltechnologie, Ingenieurwesen, Labordienstleistungen, Zertifizierung, Logistik und anwendungsorientierte Forschung. Ein solches Modell schafft deutlich umfassendere wirtschaftliche Effekte als der Betrieb einzelner Verarbeitungsanlagen und kann zu einem wichtigen Baustein des industriellen Wiederaufbaus der Ukraine werden.

Was die Ukraine dem europäischen Markt bieten kann

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Diskussion war die Frage nach der Positionierung der Ukraine im europäischen Agrar- und Ernährungssystem.

Die ukrainische Landwirtschaft wird häufig vor allem unter dem Aspekt des Wettbewerbs mit den Landwirten in der Europäischen Union betrachtet. Im Bereich pflanzlicher Proteine stellt sich die Situation jedoch differenzierter dar. Die EU weist bereits heute ein erhebliches Defizit an hochwertigen Proteinfuttermitteln auf und verfolgt das Ziel, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren. Eine regionale Zusammenarbeit mit der Ukraine kann die Resilienz der Lieferketten stärken und gleichzeitig die Entwicklung der eigenen Produktion in den Mitgliedstaaten unterstützen.

Beispiele grenzüberschreitender europäischer Wertschöpfungsketten zeigen, dass sich die heimische Produktion und Lieferungen aus benachbarten Ländern sinnvoll ergänzen können. Zusätzliche Rohstoffmengen ermöglichen es, die Verarbeitung auszuweiten, eine stabile Auslastung der Produktionsanlagen sicherzustellen und langfristige Lieferverpflichtungen gegenüber Herstellern von Lebens- und Futtermitteln zuverlässig zu erfüllen.

Für die Ukraine eröffnet sich damit die Möglichkeit, sich als Produktionspartner zu etablieren, der den europäischen Markt sowohl mit zertifizierten Rohstoffen als auch mit hochwertigen verarbeiteten Zutaten versorgt. Eine solche Rolle geht weit über den klassischen Handel mit Agrarrohstoffen hinaus, da ukrainische Unternehmen in die gemeinsame Produktionsplanung, technologische Prozesse und Lieferketten europäischer Unternehmen eingebunden werden.

Eine Diskussion, die der politischen Agenda vorausging

Der Round Table fand noch vor der Vorstellung des EU-Aktionsplans für Proteine sowie der ersten EU-Strategie für die Tierhaltung durch die Europäische Kommission statt. Bereits am 7. Juli 2026, weniger als zwei Wochen nach der Veranstaltung, wurden beide Dokumente offiziell verabschiedet.

Mit dem Aktionsplan für Proteine bekräftigte die Europäische Union ihren Kurs zur Stärkung der Resilienz, der strategischen Autonomie und der Nachhaltigkeit ihres Proteinsystems. Der Plan sieht unter anderem die Förderung des Anbaus von Eiweißpflanzen, den Ausbau der Lager- und Verarbeitungsinfrastruktur, eine stärkere Nutzung vertraglicher Partnerschaften zwischen Landwirten und weiteren Akteuren der Wertschöpfungskette, Investitionen in Forschung und Technologien sowie die Diversifizierung externer Bezugsquellen vor.

Die EU-Strategie für die Tierhaltung ergänzt diesen Ansatz auf der Nachfrageseite. Sie bezeichnet die Abhängigkeit von importierten proteinreichen Futtermitteln als einen der Faktoren, die die europäische Tierhaltung anfällig für geopolitische und marktbedingte Krisen machen. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören die stärkere Nutzung regional und lokal erzeugter Futtermittel, die Verringerung der Abhängigkeit von Importen, die Förderung von Innovationen sowie der Ausbau einer zirkulären Bioökonomie.

Die neuen Strategiedokumente bestätigen die Aktualität der Themen, die bereits während des Round Tables diskutiert wurden. Die Europäische Union strebt zwar den Ausbau ihrer eigenen Produktion pflanzlicher Proteine an, erkennt zugleich jedoch die Bedeutung diversifizierter Partnerschaften mit den Nachbarländern an. Für die Ukraine eröffnet sich dadurch die Chance, sich dauerhaft als Teil des europäischen Proteinsystems zu etablieren.

Die Ukraine kann dem europäischen Markt weit mehr bieten als zusätzliche Mengen an Agrarrohstoffen. Das größte wirtschaftliche Potenzial liegt in der Herstellung von Proteinkonzentraten, Proteinisolaten, texturierten Pflanzenproteinen und weiteren funktionellen Inhaltsstoffen. Die Entwicklung dieses Segments würde nicht nur dazu beitragen, die europäischen Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, sondern auch der Ukraine ermöglichen, einen größeren Teil der Wertschöpfung im Land zu halten, Investitionen in die verarbeitende Industrie anzuziehen und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Oksana Osmachko
Strategic expert on Agriculture & Biodiversity (Ukraine Facility Platform) 

Quellen:

  1. European Commission. Farm to Fork Strategy for a fair, healthy and environmentally-friendly food system.
    https://food.ec.europa.eu/horizontal-topics/farm-fork-strategy_en

  2. European Commission. Vision for Agriculture and Food. 19 February 2025.
    https://agriculture.ec.europa.eu/overview-vision-agriculture-food/vision-agriculture-and-food_en

  3. European Commission. Reducing the plant protein deficit of the EU. Матеріали щодо структури виробництва і споживання рослинного білка, імпортної залежності та Плану дій ЄС щодо протеїнів.
    https://agriculture.ec.europa.eu/farming/crop-productions-and-plant-based-products/cereals/reducing-plant-protein-deficit-eu_en

  4. European Commission. EU Livestock Strategy: A strategy for a resilient, competitive and sustainable livestock sector. 7 July 2026.
    https://agriculture.ec.europa.eu/overview-vision-agriculture-food/eu-livestock-strategy_en

03.08.2026
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