Deutsche Tierhaltung unter Druck: Hohe Kosten, Investitionsstau und wachsende Unsicherheit
Beim Deutschen Bauerntag 2026 in Freiburg haben Vertreter der deutschen Tierhaltung vor einem drohenden Wendepunkt gewarnt. Besonders im Schweinesektor ist die wirtschaftliche Lage angespannt: Trotz Grillsaison und stabil laufendem Absatzmarkt arbeiten viele Betriebe laut Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und Vorsitzender des DBV-Fachausschusses Schweinefleisch, derzeit defizitär. In vielen Fällen decken die Erlöse nicht einmal mehr die variablen Kosten.
Im Zentrum der Diskussion stand deshalb nicht in erster Linie die Einführung zusätzlicher Tierwohlstandards, sondern die Frage, ob unter den aktuellen Rahmenbedingungen überhaupt noch in die Tierhaltung investiert wird. Viele Stallanlagen in Deutschland sind veraltet und müssen in den kommenden Jahren saniert oder ersetzt werden. Gleichzeitig rechnen sich Neubauten für zahlreiche Betriebe nicht mehr. Stefan Leuer von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen betonte, dass die Tierhaltung weiterhin für mehr als 50 Prozent des landwirtschaftlichen Produktionswertes in Deutschland steht, die wirtschaftlichen Spielräume vieler Höfe aber deutlich geschrumpft sind.
Besonders kritisch ist die Situation bei neuen Investitionen: Viele betriebswirtschaftliche Kennzahlen beruhen auf bestehenden, teils bereits abgeschriebenen Stallanlagen. Neue Ställe sind heute erheblich teurer. In der Milchviehhaltung liegen die Investitionskosten laut Roswitha Geyer-Fäßler inzwischen bei 20.000 bis 22.000 Euro pro Kuhplatz. Ein moderner Milchviehstall kostet damit schnell mehr als 2 Millionen Euro. Neben den hohen Baukosten gelten langwierige und unsichere Genehmigungsverfahren als zentrales Hemmnis.
Auch die politischen Rahmenbedingungen wurden scharf kritisiert. Beringmeier forderte weniger nationale Sonderwege, deutlich schnellere Genehmigungen und einen radikalen Bürokratieabbau. Stefan Köhler, Mitglied des Europäischen Parlaments, verwies zudem auf ungleiche Produktionsauflagen innerhalb der EU: Trotz Binnenmarkt gelten für Tierhalter je nach Mitgliedstaat unterschiedliche Regeln.
Zugleich steigen die Anforderungen an Tierwohl, Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Der niederländische Agrarökonom Ge Backus machte deutlich, dass solche Ziele nur dann dauerhaft umgesetzt werden können, wenn sie auch marktfähig und wirtschaftlich tragfähig sind. Einigkeit bestand unter den Diskutanten darüber, dass ohne verlässliche politische Perspektiven, investitionsfreundlichere Regeln und tragfähige Marktmodelle ein Strukturbruch in der deutschen Tierhaltung droht — mit Folgen weit über die Landwirtschaft hinaus, von Futtermittelwirtschaft bis Lebensmittelhandel.
Quelle: Informationen von Topagrar, Matthias Schulze Steinmann, 4. Juli 2026