Auf dem Milchmarkt herrscht ein Überangebot
Der deutsche Milchmarkt befindet sich Anfang 2026 in einer schwierigen Lage: Ein deutliches Überangebot sorgt für Preisdruck, Unsicherheit und wachsende wirtschaftliche Belastungen in vielen Betrieben. Während die Milchanlieferungen zuletzt um rund sechs Prozent über dem Vorjahresniveau liegen und die Molkereien zunehmend an ihre Verarbeitungskapazitäten stoßen, zeigen sich die politischen Akteure uneins über geeignete Gegenmaßnahmen.
Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) lehnt staatliche Hilfen strikt ab. Stattdessen setzt er auf „Hilfe zur Selbsthilfe“ und betont, dass steuerliche Instrumente wie die Risikoausgleichsrücklage, die Förderung von Absicherungssystemen sowie ein Bürokratieabbau den Betrieben mehr Stabilität bieten sollen. Auch auf Exporte und internationale Handelsabkommen setzt der Minister, um Überschüsse vom Markt zu nehmen. Eine klare Absage erteilte Rainer hingegen der Einführung verpflichtender Lieferverträge, wie sie nach Artikel 148 der EUGMO möglich wären. Die Einführung eines Lieferverzichts gegen Entschädigung will das Ministerium erst nach Vorlage konkreter EUVorschläge prüfen.
Die landwirtschaftlichen Verbände bewerten die Lage jedoch anders. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), Landwirtschaft verbindet (LsV) und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) drängen das Ministerium, sich in Brüssel für verpflichtende Milchlieferverträge einzusetzen. Sie argumentieren, dass nur so künftig preissenkende Überschüsse vermieden werden könnten. Der BDM verweist zudem auf positive Erfahrungen aus früheren Krisen mit dem Instrument des freiwilligen Lieferverzichts gegen Entschädigung, das die Milchanlieferung effektiv an die Nachfrage anpassen könne. Auch die AbL fordert dieses Instrument als kurzfristige Maßnahme, um den Markt zu entlasten.
Die wirtschaftliche Situation vieler Milchviehbetriebe bleibt angespannt. In der zweiten Jahreshälfte 2025 lagen die Auszahlungspreise teilweise nur bei etwa 37 Cent pro Kilogramm, während Butter im Einzelhandel teils für 99 Cent pro 250GrammPäckchen angeboten wurde. Viele Betriebe leiden zusätzlich unter hohen Steuervorauszahlungen, steigenden Energiepreisen infolge geopolitischer Konflikte und höheren Frachtkosten im internationalen Handel. Nach Angaben des Milchindustrieverbandes (MIV) müssen jährlich zwei bis vier Prozent der rund 47.000 Milcherzeuger aufgeben.
Trotz einzelner Hoffnungsschimmer – wie steigenden Börsenpreisen und einem möglichen Preisanstieg in der zweiten Jahreshälfte – bleibt der Markt weit von einer Stabilisierung entfernt. Vertreter der Milchwirtschaft warnen, dass die Talsohle noch nicht erreicht sei. Die Kombination aus hohen Milchmengen, politischen Unsicherheiten und stark belastenden Produktionskosten zwingt viele Betriebe an ihre wirtschaftlichen Grenzen.
Die zentrale Herausforderung bleibt somit: Wie kann die Milchmenge reduziert werden, ohne die Betriebe zusätzlich zu destabilisieren? Während der Minister dies hauptsächlich über Marktmechanismen lösen will, fordern die Verbände verbindliche Regeln und ein Eingreifen auf EU-Ebene. Die Diskussionen zeigen, wie weit die Positionen auseinander liegen – und wie dringlich eine Lösung für den überlasteten Milchmarkt ist.
Quellen:
www.agrarticker.de/nachrichten/detail/talsohle-noch-nicht-durchschritten/, 13.03.2026
www.agrarticker.de/nachrichten/detail/ruf-nach-risikoausgleichszulage/, 12.02.2026