Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer

Stand der ländlichen Entwicklung in der Ukraine

Am 12. Mai präsentierte das Projekt APD Ukraine gemeinsam mit dem Politik-Analysezentrum THMIST die Studie „Stand der ländlichen Entwicklung in der Ukraine“. Sie gehört zu den wenigen Untersuchungen, die ländliche Räume in der Ukraine nicht ausschließlich durch die Brille der landwirtschaftlichen Produktion betrachten, sondern den Fokus auf den Alltag und die Lebensrealität der Menschen legen.

Für mich ist besonders wichtig, dass diese Diskussion genau jetzt stattgefunden hat – in einer Zeit, in der die Ukraine gleichzeitig Krieg, Wiederaufbau und die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union bewältigt. Unter diesen Bedingungen ist die Entwicklung ländlicher Räume längst kein „Randthema“ mehr. Sie betrifft unmittelbar die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit des Landes, die demografische Entwicklung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Fähigkeit der Gemeinden, zu überleben und sich weiterzuentwickeln.

Die Studie basiert auf den Antworten von 1.150 Befragten aus 23 Regionen der Ukraine und konzentriert sich auf sehr konkrete Themen: Beschäftigung, Einkommen, Zugang zu Gesundheitsversorgung, Verkehr, Bildung und Sicherheit, lokale Infrastruktur, Migrationsabsichten sowie die Rolle von Frauen in den Gemeinden.

Die Ergebnisse geben Anlass zum Nachdenken. Fast 68 % der Befragten berichten von einem Bevölkerungsrückgang in ihren Gemeinden in den vergangenen fünf Jahren. Junge Menschen sehen ihre Zukunft immer seltener in kleineren Gemeinden: Nur 63,7 % der Befragten unter 35 Jahren planen, auch in den kommenden Jahren in ihrer Gemeinde zu bleiben, während fast jede zehnte Person offen angibt, wegziehen zu wollen.

Gleichzeitig reicht das Problem weit über die Demografie hinaus. Die Antworten zeigen deutlich, dass die Entscheidung zu bleiben oder wegzugehen nicht von einem einzelnen Faktor abhängt, sondern von einer Kombination aus Sicherheit, Arbeitsplätzen, Einkommen, Verkehrsanbindung, Gesundheitsversorgung, Bildungsangeboten und allgemeinen Zukunftsperspektiven. Als wichtigste Gründe für einen möglichen Umzug nannten die Befragten den Mangel an Arbeitsplätzen und niedrige Löhne, die Sicherheitslage infolge des Krieges sowie den unzureichenden Zustand der Infrastruktur.

Dies ist ein äußerst wichtiges Signal – sowohl für den ukrainischen Staat als auch für unsere internationalen Partner.

Der europäische Ansatz der ländlichen Entwicklung beschränkt sich längst nicht mehr auf die Förderung der Landwirtschaft. Im Mittelpunkt der EU-Politik stehen die Lebensqualität in ländlichen Räumen, Humankapital, der Zugang zu Dienstleistungen, die lokale Wirtschaft einschließlich nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeiten, Inklusion sowie die Handlungsfähigkeit der Gemeinden. Genau in diese Richtung wird sich auch die Ukraine im Rahmen ihrer europäischen Integration entwickeln müssen.

Während der Diskussion haben wir intensiv darüber gesprochen, dass ländliche Räume längst nicht mehr nur Orte sind, „an denen Landwirtschaft betrieben wird“. Sie sind Lebensräume für Millionen Menschen. Hier entstehen lokale Wirtschaftskreisläufe, hier wachsen Kinder auf, hier kehren Veteraninnen und Veteranen nach ihrem Militärdienst zurück und suchen Möglichkeiten, sich in ihre Gemeinden einzubringen. Und hier tragen Frauen heute oft die Hauptverantwortung – sowohl für ihre Familien als auch für die wirtschaftliche Existenz ihrer Haushalte.

Besonders aufschlussreich waren für mich die Ergebnisse zur sogenannten Care Economy. In nahezu jedem vierten Haushalt lebt eine Person, die dauerhaft Pflege benötigt. Diese Pflege wird fast vollständig innerhalb der Familie geleistet – überwiegend von Frauen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine sozialpolitische Frage, sondern auch um ein Thema wirtschaftlicher Teilhabe, Beschäftigung und Chancengleichheit für Frauen in ländlichen Gemeinden.

Ebenso besorgniserregend ist das Ausmaß der wirtschaftlichen Verwundbarkeit. Die Mehrheit der Haushalte lebt unter sehr eingeschränkten finanziellen Bedingungen, und 63 % der Befragten mussten im vergangenen Monat ihre Ausgaben für Lebensmittel reduzieren.

Für APD Ukraine ist diese Diskussion Teil einer wesentlich umfassenderen Arbeit zur Gestaltung einer modernen Politik für die Entwicklung ländlicher Räume in der Ukraine – einer Politik, die nicht auf allgemeinen Absichtserklärungen, sondern auf den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen und Gemeinden basiert.

Deshalb ist es für uns von grundlegender Bedeutung, dass im Zentrum dieser Debatten nicht nur Ministerien oder internationale Partner stehen, sondern auch die Gemeinden selbst, lokale Führungspersönlichkeiten, Frauen, junge Menschen, Veteraninnen und Veteranen sowie kleine Unternehmerinnen und Unternehmer.

Denn letztlich geht es bei der Entwicklung ländlicher Räume nicht nur um Territorien. Es geht um die Frage, wie die Ukraine nach dem Krieg aussehen wird.

Inzwischen wurde der erste Teil der Studie „Stand der ländlichen Entwicklung in der Ukraine“ veröffentlicht. Er widmet sich der demografischen Resilienz kleiner Gemeinden, Migrationsabsichten, Beschäftigung und wirtschaftlicher Aktivität in ländlichen Räumen.

Die Studie ist unter folgendem Link verfügbar: https://drive.google.com/file/d/14wr4jCQxRzKSzMyRMeIWVnhVmPLeMs2f/view?fbclid=IwY2xjawR9ZnlleHRuA2FlbQIxMABicmlkETFuM0duMlhMSnhQSFBTWTJYc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHk1vailHfc2WCs9l9-uh11vEVbBz2qopSv0AjBBscOnSKVruZUShApwx2tqB_aem_ncYkD_nDBqCM3YDki5rBlQ

Dr. Olga Trofimtseva 
Projektleiterin 
Deutsch-Ukrainischer Agrarpolitischer Dialog (APD Ukraine)

12.05.2026
APD Projektaktivität